Historisches Bänderskelett „Dornauszieher“ Inv.-Nr.: AP232M, Anatomische Sammlung HfBK Dresden

Historisches Bänderskelett „Dornauszieher“
Inv.-Nr.: AP232M, Anatomische Sammlung HfBK Dresden
Gesamtmaße (H x B x T): ca. 102 x 65,5 x 75,5 cm
Datierung: erste Hälfte 19. Jahrhundert
Präparator: unbekannt

Die Hochschule für Bildende Künste Dresden verfügt über einen für Kunsthochschulen einzigartigen Bestand an historischen Bänderskeletten. Ein signifikantes Merkmal ist, dass die vermutlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Präparate weitestgehend ohne künstliche Hilfsmittel aufgestellt worden sind. Im Gegensatz zu klassischen Montageskeletten sind Bänder und Gelenkkapseln erhalten geblieben und fixieren die Einzelknochen in ihrer natürlichen Position. Auch die Präsentation ist hervorzuheben: Neben statisch aufgestellten Lebensalterdarstellungen sind sieben der Skelette in antike Posen versetzt – unter ihnen die beiden Söhne der „Laokoon-Gruppe“ (Kriegsverlust: „Laokoon“ sowie weitere Bänderskelette), die „Venus von Medici“, „Borghesischer Fechter“, „Beckenschläger“, „Sandalenbinder“ und der „Dornauszieher“.

Durch den langjährigen Gebrauch der Skelette als Lehrmittel für das künstlerische Naturstudium weist ein überwiegender Teil von ihnen starke Schäden auf. Auch die Präparationstechnik wirkt sich fortlaufend negativ auf den Erhaltungszustand aus. Infolge der speziellen Herstellungstechnik konnten die Knochen nicht ausreichend entfettet werden. Im Jahr 2011 war die Erforschung dieser Schadensmechanismen Bestandteil einer Masterarbeit im Studiengang Konservierung/ Restaurierung an der Königlich Dänischen Kunstakademie Kopenhagen (KADK).[1] Diese Arbeit fand in enger Zusammenarbeit mit der HfBK Dresden[2] statt und wurde von Steen Kristian Frank (KADK) verfasst.
Die Untersuchungen umfassten u.a. die Entnahme zahlreicher Materialproben, welche im Labor für Archäometrie der HfBK Dresden auf ihre Zusammensetzung analysiert und ausgewertet wurden[3]. Die Ergebnisse zeigten, dass das ursprünglich im Knocheninneren verbliebene Fett teilweise austritt und zusammen mit nachträglich zugesetzten Pflanzenölen[4] eine klebrige Substanz bildet. Dieser Umstand trägt zum einen erheblich zur Verschmutzung der Oberfläche bei, da große Mengen an Schmutz gebunden werden können, zum anderen fördert die stattfindende Oxidation vermutlich eine Versprödung der Bänder und Kapseln und begünstigt die Entstehung eines sauren Milieus im und auf dem Knochen. Nach derzeitigen Erkenntnissen ist dieser Prozess maßgeblich verantwortlich für die fortschreitende Schädigung der Kalziumverbindungen, die Hauptbestandteil der Knochenstrukturen sind. Negativ wirkt sich auch der Umstand aus, dass bei nahezu allen Skeletten im Laufe ihrer Nutzung unedle Metalldrähte u.ä. eingesetzt worden sind, um die teilweise oder ganz zerstörten natürlichen Gelenkverbindungen konstruktiv zu stabilisieren. An vielen Stellen hat dies infolge mechanischer Belastung zu einer erhebliche Schädigung der Knochen und Bänder geführt. Zudem bilden sich unter Einwirkung der Fettsäuren an den Metallbauteilen zum Teil grün-blaue Korrosionsprodukte, welche die angrenzende Knochensubstanz irreversibel verfärben. Einige dieser Metallteile steckten tief im Knocheninneren und konnten nur durch Röntgenaufnahmen lokalisiert werden.[5] Die Veröffentlichung dieser umfangreichen Untersuchungen erfolgte 2018 in den VDR-Beiträgen[6].

Im Rahmen des BMBF-Projektes „Körper und Malerei“ fand 2018/2019 in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Konservierung/ Restaurierung der HfBK Dresden die exemplarische Restaurierung des „Dornausziehers“ statt. Die Restaurierung erfolgte durch den Autor dieses Beitrages und wurde von Prof. Ivo Mohrmann, Prof. Dr. Christoph Herm und Dr. Sandra Mühlenberend betreut.
Das Konzept sah vor, alle nachträglich eingesetzten und korrosionsanfälligen Metallteile zu entfernen, die natürlichen Gelenkverbindungen partiell durch Verklebungen zu stärken und vereinzelt Edelstahlverbindungen in die Knochen einzusetzen. Die verbleibenden Metallteile wurden von Korrosionsprodukten befreit und mit mikrokristallinem Wachs behandelt.
Weiterhin musste eine umfangreiche Reinigung der Oberfläche erfolgen. Um ein Anquellen und Schrumpfen der Gelenkkapseln und Bänder zu verhindern, musste eine wässrige Reinigung ausgeschlossen werden. Zur Verfügung standen somit verschiedene polare und unpolare Lösungsmittel wie Siedegrenzbenzin, Toluol, Ethanol, Aceton und Ethylacetat. Nach eingehenden Tests an vergleichbar geschädigten Tierknochen fiel die Wahl auf eine schnellflüchtige Mischung aus Ethanol und Aceton, mit der die gesamte Oberfläche gereinigt werden konnte.

Der auffälligste Eingriff der Restaurierung betrifft den Sockel des Dornausziehers. Da die historische Aufsocklung aus ungeklärten Gründen entfernt und der Dornauszieher auf einer viel zu kleinen Bodenplatte, wesentlich zu niedrig „sitzend“ montiert wurde, musste, auch um die Körperhaltung zu korrigieren, ein teilrekonstruierter Sockel angefertigt werden. Die Gestaltung orientierte sich hierbei an den noch erhaltenen Sockeln der anderen Bänderskelette und an den erkennbaren Abmessungen, die aus einer Abbildung der 1930er Jahre hervorgingen.
Als abschließende Restaurierungsmaßnahme fand die Rekonstruktion verlorener Zähne und Knochen des „Dornausziehers“ statt. Eine vollständige Präsentation des Skelettes mit allen zum Zeitpunkt des Ablebens vorhandenen Körperteilen entspricht in hohem Maße dem Anspruch an einen würdevollen und ethisch korrekten Umgang mit diesem Präparat. Für die Rekonstruktion der sieben verlorenen Zehenglieder rechts und der drei Fingerglieder des Daumens links wurde eine Mischung aus Wachs, Dammarharz und Kreide verwendet; die Eintönung erfolgte unter Zuhilfenahme von Ölfarben. Positiv wirkte sich der Umstand aus, dass alle verlorenen Finger- und Zehenglieder auf der anderen Körperseite noch vorhanden waren, was die exakte Rekonstruktion in Form, Größe, Struktur und Farbe erleichterte.
Die bisher kaum beachteten Erhaltungszustände menschlicher Überreste in Museen und Sammlungen, aber auch das Fehlen fundierte Konservierungs- und Restaurierungskonzepte stellen zunehmend ein großes konservatorisches Problem beim Umgang mit diesen Exponaten dar. Mit der Restaurierung des „Dornausziehers“ hat die HfBK Dresden einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung historischer menschlicher Präparate geliefert.

// Jakob Fuchs

 

[1] Betreuung: Prof. Knud Bo Botfeldt, Prof. Arne Redsted Rasmussen.

[2] Betreuung: Prof. Dr. Ulrich Schiessl.

[3] FTIR-Messungen: Prof. Dr. Christoph Herm; GC-MS-Messungen:  Annegret Fuhrmann; SEM-EDX-Messungen: Dr. Sylvia Hoblyn.

[4] Die Pflanzenöle könnten den Gelenkverbindungen ursprünglich zur Flexibilisierung zugesetzt worden sein.

[5] Röntgenaufnahmen: Prof. Ivo Mohrmann, Kerstin Riße, Monika Kammer. (HfBK Dresden).

[6] Frank, Steen K.; Meyer, Ion; Herm, Christoph; Botfeldt, Knut B.: Status Report, Conservation and Exhibition Proposal for 14 natural Skeletons from the Anatomical Collection at the University of Fine Arts in Dresden, in: VDR Beiträge zur Erhaltung von Kunst- und Kulturgut, Heft 1 (2018), S. 71-86.